Medien des Immediaten
Elektrizität - Telegraphie - McLuhan




Erschienen bei Kadmos


Medien des Immediaten – eine Bezeichnung, die eine Spenstigkeit in sich trägt. Ein Medium kann nicht unmittelbar oder immediat sein, weil es sonst die Relata, zwischen denen es auf jeweils spezifische Weise vermittelt und zwischen denen der zusammenbringende Akt der Kommunikation stattfindet, in ein unvermitteltes Verhältnis brächte, das ihre Trennung und seine Vermittlung aufheben würde. Was unmittelbar ist, hat kein Medium. Doch wenn Zwei immediat verbunden sind, dann sind sie als getrennte Zwei in einer Weise aufeinander bezogen, die eine Trennung voraussetzt, diese im gleichen Schritt aber tilgt. Um zwei getrennte Relata durch Kommunikation, durch Austausch und Übertragung zu verbinden, braucht es ein Medium, weil in der Trennung ein Dazwischen haust. Wenn das Medium, das zwischen den getrennten Zwei liegt, getilgt wird, dann können die Zwei als Eins beschrieben werden, welche das unvermeidlich hinzutretende Dritte in sich aufnimmt. Dazu muss die Trennung, die sie zu dem macht, was sie sind – nämlich Zwei und nicht Eins oder Drei – aufgehoben werden. Die historischen Praktiken, Diskurse und Phantasmen dieser Aufhebung oder Tilgung, die Bedingungen ihres Erscheinens wie die Aporien, die sie tief im metaphysischen Haushalt des Abendlandes verwurzeln, sind Thema dieser Arbeit.

Sich mit dem Konnex von Medien, Kommunikation und Unmittelbarkeit zu beschäftigen, bedeutet unter diesen Vorzeichen, historische Konstellationen zu untersuchen, in denen Medien eine konstitutive Funktion zukommt, sie aber ebenfalls negiert werden. Derartige Konstellationen lassen sich in unterschiedlichsten Anordnungen heterogener Bestandteile durch die Geschichte hindurch verfolgen. Sie agieren in verschiedenen Wissensgebieten und Ökonomien, aber immer dort, wo mehrere Elemente kommunizieren, also aufeinander wirken, wobei Raum und Zeit, Kausalität oder die Kraft ihres Verhältnisses womöglich unklar sind – wo etwa für eine historische Periode gilt, dass etwas nicht sein kann, wo es nicht ist, oder dass jede Wirkung Kraft und Zeit braucht. Dabei werden Begriffe geprägt, die der Erfassung solcher Konstellationen dienen sollen. Die Geschichte von Medien- und Kommunikationsbegriffen ist zutiefst mit den Phantasmen der Unmittelbarkeit verwoben.

Die Paradoxien der Unmittelbarkeit bestehen in der Negation der eigenen Voraussetzungen. Medien (als Mittel) sind zwar die Bedingung dafür, dass zwei Elemente (Sender und Empfänger, Gott und Gläubiger, gewalttätiges Computerspiel und Spieler, Planet und Planet…) unmittelbar miteinander verbunden sein können, denn Unmittelbarkeit bedeutet eine Relation von zwei oder mehr Elementen. Die mediale Verbindung der Elemente wird in der Unmittelbarkeit der Verbindung aber zugleich getilgt. „Die Unmittelbarkeit ist abgeleitet.“ So lässt sich mediengeschichtlich immer wieder eine Betonung der Bedeutung von Medien ausmachen, die desgleichen von einem ‚Traum’ einer medienlosen Unmittelbarkeit durchzogen ist, einer transparenten Medialität. Diese Träumerei kann einerseits selbst historisiert werden und stellt andererseits einen originären und unableitbaren Ursprung bereit, der alle Trennungen, Aufschübe und Differenzen zu neutralisieren vermag.

Drei historische Abschnitte strukturieren das Vorgehen der Arbeit. Zunächst wird anhand der Erforschung der Elektrizität zu Beginn des 18. Jahrhunderts erläutert, wie mit der Übertragung der elektrischen Kraft durch Kabel und über Distanzen ein Phantasma der Instantanität aufkommt, die Vorstellung also, dass die Wirkung gleichzeitig an zwei entfernten Orten sei. Mit dieser Fernwirkung schließt der Wissenshaushalt der Elektrizitätsphysik an eine Reihe historischer Diskurse an, die im Briefwechsel von Leibniz und Clarke kulminieren und zu erfassen versuchen, wie etwas dort eine Wirkung hervorbringen kann, wo es nicht ist – wo es also kein Medium, aber eine Kommunikation gibt.

Im zweiten Teil wird all dies auf die Erfindung der elektromagnetischen Telegraphie im 19. Jahrhundert bezogen. Auch wenn die Ingenieure und Physiker wissen, dass keine Kraft instantan sein kann, beschreiben sie die neuartigen Kommunikationsmittel als instantan. So wird an Morse, Gauß und Weber sowie Wheatstone gezeigt, wie im gleichen Schritt die Geschwindigkeit der Elektrizität erforscht werden und die Kommunikation als unmittelbar beschrieben wird. Entsprechend will die vorliegende Arbeit nicht nur schildern, wie aus der Elektrizität ein Medium und damit Telegraphie wird und sie dabei zum Medium des Immediaten avancieren kann, sondern anhand einer genealogischen Linie auch, wie in dieser Geschichte Medien- oder Kommunikationskonzepte auf historisch divergente Weisen angewandt und geprägt wurden. ‚Medium’ und ‚Kommunikation’ gestatten, mit derartigen Konstellationen von getrennt-verbundenen, abwesend-anwesenden Elementen und mit den Paradoxa einer Fernwirkung umzugehen, die durch die Elektrizität seit dem Jahre 1600 die Wissensordnungen der Physik an ihre Grenzen treiben.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Auswirkungen dieser Phantasmen auf die Medientheorie McLuhans, die explizit, wenn auch historisch verzerrt, auf die Elektrizitätsforschung Bezug nimmt. Wie gezeigt werden soll, ist der Medienbegriff der Physik, den McLuhan in den Medienbegriff der media theory überführt und damit weiterhin wirksam sein lässt, ein Effekt von derartigen Verschiebungen, in denen Kausalitäten, Zeiten und Räume der Übertragung in Frage stehen. Das Denken McLuhans behandelt nicht nur die Elektrizität, sondern will zeigen, welchen Einfluss die Strukturverwandlungen durch Elektrizität auf eben dieses Denken haben, wird also, so könnte man sagen, von ihr formatiert. Genau darum lässt sich bei und mit McLuhan eine Genealogie der Elektrizität erkunden, die auch eine Genealogie des Denkens über Medien sein könnte. Sein Satz, das Medium sei die Botschaft, ist von der Unmittelbarkeit der Elektrizität grundiert. Sie resultiert für McLuhan im Zerfall einer Ontologie, die von einer strikten Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausging, denn die Lichtgeschwindigkeit der elektrischen Medien hebt die Differenz zur Vergangenheit zu Gunsten einer Gegenwart auf. Das elektrische Zeitalter kennt nur Präsenz. Aus einer Perspektive werden Standorte, aus linearer Geschichte Mythos, aus visueller Ordnung und Struktur die Resonanz des akustischen Raums. Problematisch ist dabei, dass eine instantane Übertragung keine Übertragung mehr ist, weil das zu Übertragende keine Zeit benötigt, um übertragen zu werden, also immer schon am Ziel ist.

McLuhans Medientheorie steht deshalb im Widerspruch zu sich selbst, will sie doch Medien beobachten, indem sie sich auf Unmittelbarkeit zurückzieht. Diese Konstellation wird abschließend durchdacht und auf ihre Auswirkungen hin befragt. Die Aporien, in die McLuhan eine an ihn anschließende Medienwissenschaft führt, sind historische und weniger systematische. Sie kommen aus der Geschichte der Elektrizitätsforschung und der Telegraphie. Und trotzdem ist es nicht damit getan, sie als historische zu konstatieren und gleichsam in die Ecke zu stellen, nachdem sie erzählt wurden. Diese Geschichte betrifft auch heute die Operationsweisen der Medientheorie – und vielleicht heute um so mehr, als ihre Genealogie, aller Selbstdiskursivierung zum Trotz, immer weiter verdeckt zu werden droht. Die Auseinandersetzung mit Medien der Unmittelbarkeit ist eine Auseinandersetzung mit dem, was sich in jeweiligen historischen Situationen als Medium beschreiben lässt, wenn man dessen Erscheinungsbedingungen mitdenkt. Diese Bedingungen betreffen auch Kausalität, Raum und Zeit.

Der Medienbegriff, der damit einhergeht, kann von allen Versuchen entlastet werden, ihn einer strengen Definition zu unterstellen und so die Bestände seiner Geschichte freigelassen werden. So kann die lange Dauer des Medienbegriffs nicht nur historisiert werden, sondern als Fundgrube der Theorie dienen. Eine solche Medientheorie, die sicherlich keinen alleinigen Anspruch auf das Gebiet der Medien stellen kann, hat ihren Ort im Inneren zahlreicher anderer Wissensgebiete, so eben auch der Physik der Elektrizität und der Technik der Telegraphie. Ihr wichtigstes Feld und ihr wichtigster Gegenstand aber ist sie selbst. An ihm muss sie sich abarbeiten, weil er in sich selbst in ständiger Bewegung ist.




Daniel Gethmann und Florian Sprenger

Die Enden des Kabels
Kleine Mediengeschichte der Übertragung




144 Seiten
Kulturverlag Kadmos

ISBN: 978-3-86599-205-5


Kabel verbinden die Welt. Als Infrastruktur der Globalisierung setzen sie Räume und Menschen in neue Relationen. Keine Technik kommt ohne sie aus und jedes Medium verlässt sich auf sie. Sie liegen verkreuzt, vernetzt und vielfach verzweigt überall, wohin Elektrizität, ob als Energie oder als Signal, geleitet werden soll. Auf ihren Pfaden ist Übertragung zur zentralen technischen Aktivität geworden. So allgegenwärtig sie in unserer mediengesättigten Welt auch sind, so häufig werden sie übersehen und so unbekannt ist ihre Geschichte.





The Politics of Micro-Decisions
Edward Snowden, Net Neutrality, and the Architectures of the Internet



Be it in the case of opening a website, sending an email, or high-frequency trading, bits and bytes of information have to cross numerous nodes at which micro-decisions are made. These decisions concern the most efficient path through the network, the processing speed, or the priority of incoming data packets.

Despite their multifaceted nature, micro-decisions are a dimension of control and surveillance in the twenty-first century that has received little critical attention. They represent the smallest unit and the technical precondition of a contemporary network politics – and of our potential opposition to it. The current debates regarding net neutrality and Edward Snowden’s revelation of NSA surveillance are only the tip of the iceberg. What is at stake is nothing less than the future of the Internet as we know it.

Meson Press, 2015

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Politik der Mikroentscheidungen
Edward Snowden, Netzneutralität und die Architekturen des Internets



Ob beim Aufrufen einer Webseite, beim Versenden einer E-Mail oder beim Hochfrequenzhandel an der Börse: Auf ihrem Weg durch die Weiten digitaler Netze durchqueren Bits zahlreiche Knoten, an denen eine Reihe von Mikroentscheidungen getroffen werden. Diese Entscheidungen betreffen den besten Pfad zum Ziel, die Verarbeitungsgeschwindigkeit oder die Priorität zwischen den ankommenden Paketen.

In ihrer vielschichtigen Gestalt bilden solche Mikroentscheidungen eine bislang nur marginal beachtete Dimension von Kontrolle und Überwachung im 21. Jahrhundert. Sie sind sowohl die kleinste Einheit als auch die technische Voraussetzung einer gegenwärtigen Politik digitaler Netzwerke – und des Widerstands gegen sie. Die aktuellen Debatten um Netzneutralität und Edward Snowdens Enthüllung der NSA-Überwachung bilden dabei lediglich die Spitze des Eisbergs. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft des Internets, wie wir es kennen.

Meson Press 2015

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